Gierflation: Überrissene Preise im Namen der Inflation?
In einer Inflation steigt das allgemeine Preisniveau. Dabei scheinen einige Unternehmen mehr auf die Preise zu schlagen als notwendig. Kommt es zu einer «Gierflation»? Comparis ordnet ein.

31.08.2023

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1. Was ist Gierflation?
Das Wort Gierflation verbindet die Wörter Gier und Inflation. Es ist ein Erklärungsversuch für steigende Preise, die nicht oder nur schwer mit der allgemeinen Teuerungsrate erklärbar sind.
Der Begriff kann auftauchen, wenn bestimmte Betriebe oder Branchen ungerechtfertigte Preiserhöhungen durchsetzen. Gierflation bedeutet dann: Die Unternehmen nutzen die Marktstimmung der Inflation aus und erzielen übermässigen Profit.
Woher stammt der Begriff «Gierflation»?
Der genaue Entstehungszeitpunkt des Begriffs ist nicht bekannt. Er flammte in den letzten Jahren immer wieder in Medien und Berichten auf – besonders in den USA. Dort entspricht Gierflation der englischen «Greedflation». Gerade US-Politikerinnen und -Politiker der Demokratischen Partei machten jüngst vermehrt auf das mögliche Phänomen aufmerksam.
«Gierflation» gilt als eher umgangssprachlich und findet in der Fachliteratur kaum Anwendung. Die These der Gierflation wird aber vermehrt von wissenschaftlicher Seite geprüft.
Was ist der Unterschied zwischen Inflation und Gierflation?
Der Unterschied liegt in der Ursache des Preisanstiegs:
Inflation | Anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus auf der Basis eines Preisindizes (in der Schweiz der Landesindex der Konsumentenpreise LIK bzw. des Produzentenpreisindex PPI) mit gleichzeitiger Senkung der Kaufkraft. |
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Gierflation | Erhöhung der Preise einzelner Güter und Dienstleistungen durch Unternehmen zur Gewinnsteigerung unter dem Deckmantel der Inflation über das allgemeine Teuerungsniveau hinaus. |
Wie entsteht eine Inflation?
Am Anfang einer Inflation steht ein temporärer Preisanstieg – z. B. aufgrund eines einmaligen Nachfrage-, Kosten- oder Angebotsschocks. Diese Teuerung kann zur Vorstufe einer Inflation werden.
Eine Inflation entsteht aber nur, wenn der Preisanstieg in einer Region nicht durch eine Preissenkung in einer anderen Region, zu einem späteren Zeitpunkt oder durch Ersatzprodukte kompensiert werden kann.
2. Beispiel für mögliche Gierflation: Lebensmittel
In der Preisgestaltung von Produkten spielen diverse Faktoren mit. Ungerechtfertigte Preiserhöhungen nachzuweisen, ist deshalb nicht ohne Weiteres möglich. Die folgenden Merkmale können aber ein Zeichen für Gierflation sein. Vergleichen Sie sorgfältig, wenn Sie solche Veränderungen an Produkten sehen.
Unternehmen verkaufen Produkte wie z. B. Guetzli in der gewohnten Verpackung. Aber sie füllen diese mit weniger Inhalt. Diesen Leerraum erkennen Konsumentinnen und Konsumenten oft erst nach dem Öffnen der Verpackung.
Unser Tipp: Achten Sie auf das Kleingedruckte – in diesem Fall die Gewichtsangabe auf der Verpackung.
Kleinere Füllmenge, gleicher Preis? Auch hier müssen Sie genau hinschauen. Beispiel: Eine Packung von Mini-Schokoriegeln beinhaltet nur noch 14 statt 16 Stück. Das bedeutet eine Teuerung von fast 13 Prozent.
Einige Hersteller schrauben an der Qualität. So umgehen sie sichtbare Preiserhöhungen. Möbelhersteller sägen beispielsweise Platten dünner. Bei Lebensmitteln werden teure Zutaten durch billigere ersetzt. Lesen Sie die Produktbeschreibung genau durch. Denn: Der Teufel steckt im Detail.
Schwieriger ist das in der Gastronomie. Restaurants reduzieren zum Beispiel den Fleischanteil und servieren mehr Beilage. Auch so erhöhen sie die Marge. Sprechen Sie das Servicepersonal offen an, wenn Sie bei Ihrem Lieblingsmenu Veränderungen an den Mengen feststellen.
Gemüse, dessen Grundpreis mal pro 100 Gramm und mal pro Kilo angegeben wird? Bei den Schweizer Detailhändlern keine Seltenheit. Auch bei Kosmetikprodukten finden Sie Angaben sowohl in Litern als auch in 100 Millilitern. So sind Preise schlechter vergleichbar.
Unser Tipp: Holen Sie zum Vergleichen die Lupe oder noch besser einen Taschenrechner.
Übrigens: Die Preisgestaltung kann innerhalb einer Ladenkette unterschiedlich sein. So legen etwa die verschiedenen Migros-Genossenschaften ihre Preise selbst fest und auch bei Coop kann es in den Filialen Preisunterschiede geben.
3. Transparenz als Antwort auf Gierflation
Unternehmen sind auf eine Gewinnmarge angewiesen. Die Preisgestaltung bei Produkten und Services liegt in der Schweiz darum grundsätzlich beim Unternehmen.
Faire Preise ergeben sich erfahrungsgemäss durch einen starken Wettbewerb. Der Konkurrenzdruck zwingt Unternehmen, wettbewerbsfähige Preise anzubieten. Denn: Durch bestehende Alternativen müssen sie höhere Preise vor den Konsumentinnen und Konsumenten rechtfertigen.
Voraussetzung für einen funktionierenden Wettbewerb ist Transparenz. Unternehmen sollten nach Ansicht von Comparis dazu verpflichtet werden, die Preisentwicklung ihrer Produkte und Dienstleistungen offenzulegen.
Das ist nicht nur aufgrund der inflationsbedingt sich schnell ändernden Preise umso dringlicher, sondern allein wegen der digitalen Datenanalysemöglichkeiten, die zu einer zunehmenden Dynamisierung von Preisen in allen Bereichen führen.
«Unternehmen, die ihre Preise offenlegen, stärken die Kundenbindung und verbessern ihr Image. Und die Konsumentinnen und Konsumenten erhalten klare Entscheidungsgrundlagen, um beim Einkaufen ihre Eigenverantwortung wahrzunehmen, selbst gegen unangemessene Preise vorzugehen und ihre Kaufkraft zu wahren.»
Dirk Renkert, Comparis-Finanzexperte
4. So entwickeln sich die Preise in der Schweiz
In den letzten Monaten und Jahren kam es in verschiedenen Bereichen zu starken Preisanstiegen.
Comparis misst zusammen mit der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH die gefühlte Inflation. Die aktuellen Entwicklungen und Analysen finden Sie im Konsumentenpreisindex.
Prämienprognosen und Analysen im Überblick
Comparis veröffentlicht regelmässig Marktanalysen in den Bereichen Finanzen, Versicherungen, Krankenkassen und Hypotheken:
Dieser Artikel wurde erstmals produziert am 31.08.2023